Immer wieder wird betont, dass die Herausbildung eines Klassenbewusstseins ein entscheidendes Kriterium dafür ist, eine breite Massenbasis zu schaffen, die sich des Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit bewusst wird – und sich gemeinsam für kollektivistische Interessen sowie die Überwindung der bestehenden Klassengesellschaft einsetzt. Diese Einschätzung ist absolut richtig.
Doch ein solches Bewusstsein ist nur dann tragfähig, wenn es auf einer grundlegenden Fähigkeit zur Empathie beruht – insbesondere gegenüber jenen innerhalb der eigenen Klasse, die sozial und ökonomisch schlechter gestellt sind als man selbst. Die Arbeiterklasse ist keine homogene Masse. Innerhalb dieser Klasse gibt es enorme Unterschiede: in Einkommen, Bildung, Lebensrealitäten und im Ausmaß des Betroffenheitsgefühls durch asymmetrische Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse.
Gerade jene, die sich in vergleichsweise stabilen oder „besseren“ Positionen innerhalb der Arbeiterklasse befinden, neigen nicht selten dazu, sich bewusst von den noch schlechter Gestellten abzugrenzen – oftmals durch den illusionären Gedanken , „es geschafft zu haben“. Diese Abgrenzung wird durch gesellschaftliche Narrative gestützt, die Armut als individuelles Versagen darstellen. Jahrzehntelange neoliberale Ideologie hat tiefgreifend vermittelt: Wer arm ist, trägt selbst die Verantwortung – sei es durch „Faulheit“, „Bildungsferne“ oder „Fehlentscheidungen“.
Dabei werden strukturelle Ursachen systematisch ausgeblendet: Der Einfluss sozialer Herkunft auf Bildungs- und Berufschancen, der Ausschluss durch chronische Krankheit oder Behinderung, rassistische Diskriminierung, geschlechtsspezifische Benachteiligungen und andere systemische Hürden werden übersehen oder geleugnet. Stattdessen wird eine Illusion von Chancengleichheit verbreitet, die faktisch nicht existiert.
Chancengleichheit in einer Klassengesellschaft ist eine Fiktion. Ja, viele dieser Ungleichheiten sind tief im System verankert – aber nicht alle Hürden sind ausschließlich systembedingt. Es wird immer Menschen geben, die mehr tragen müssen als andere: psychisch, physisch, sozial. Das Mindeste wäre, ihre Erfahrungen anzuerkennen und ihre Perspektiven in kollektive Prozesse mit einzubeziehen.
Ein solidarisches Klassenbewusstsein erfordert daher mehr als nur das Erkennen des widersprüchlichen Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit. Es braucht auch die Einsicht, dass die eigenen Möglichkeiten stets in direkter Relation zu systemischen Rahmenbedingungen stehen – und dass persönliche Privilegien von Mitgliedern der Arbeiterklasse nur dann einen wirklichen gesellschaftlichen Wert haben, wenn sie keine exklusiven Vorteile bleiben, sondern zur neuen Normalität für alle werden.
Denn man profitiert langfristig nicht davon, wenn andere ausgegrenzt, entrechtet oder entwertet werden. Im Gegenteil: Die Fragmentierung innerhalb der Arbeiterklasse schwächt deren politische Schlagkraft.
Bezeichnenderweise zeigen viele Menschen mehr Verständnis für die Sorgen der Superreichen, die ihre absurden Privilegien schützen wollen, als für die existenziellen Ängste jener, die täglich ums Überleben kämpfen. Sie identifizieren sich eher mit jenen oben als mit denen, die näher an ihrer Realität sind, aber noch weniger haben – weil sie sich selbst nicht als arm, sondern als „noch nicht reich“ begreifen. Weil sie durch mangelnde Empathie sich nicht in die Lage jener hineinversetzen wollen, oft auch verbunden mit dem Gedanken, dass die eigenen Privilegien nur dann aufrechterhalten werden können, wenn andere deutlich zu wenig haben.
Ein treffendes Bild für diese Dynamik ist das eines großen Flugzeugs, in dem alle Mitglieder der Arbeiterklasse sitzen. Einige können sich vielleicht mehr Beinfreiheit leisten, eine bessere Mahlzeit oder einen bequemeren Sitz – aber sie sitzen im selben Flugzeug. Wenn der Pilot, die besitzende Klasse, entscheidet, den Kurs in Richtung Katastrophe zu steuern, und sich zuvor mit dem Co-Piloten – der Politik – mit dem Fallschirm rettet (falls sie nicht sogar selbst mit ins Verderben stürzt), nützt auch die bequemere Sitzklasse nichts. Am Ende trifft der Aufprall alle.
Solidarität bedeutet also nicht nur, gemeinsame Interessen zu erkennen, sondern sich auch über Unterschiede hinweg zu verbünden – gerade weil die Unterschiede real sind. Sie dürfen jedoch kein Hindernis sein, sondern müssen zum Ausgangspunkt für ein radikales, inklusives Klassenbewusstsein werden.
Datum: 15. Juni 2025
Hey 🙂 Danke schon Mal, dass ihr der Einladung gefolgt seid. Ich hab bisher kaum jemanden eingeladen, gerade ist der...
Gepostet von Marisa Blog - Stiftung Gewaltfreies Leben am Donnerstag, 27. Oktober 2022