„Aus der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft ergibt sich für jeden Einzelnen, der zur Verantwortungsübernahme fähig ist, eine kollektive Verantwortung. Diese ist jedoch mehr als die Summe der individuellen Verantwortung und wird erst in kollektiven Handlungsprozessen sichtbar und wirksam. Individuelle Verantwortung ist durch individuelle Grenzen geprägt, und diese Grenzen sind unterschiedlich verteilt. Manche Menschen sind durch gesellschaftliche und persönliche Rahmenbedingungen darin eingeschränkt, zu handeln, sich etwa tiefgehend zu informieren oder politisch aktiv zu werden. Daraus ergibt sich keine individuelle Schuld, wenn Menschen nicht bewusst an Prozessen teilhaben, die den Schaden verursachen, obwohl ihnen formal eine alternative Handlungsoption offenstehen würden. Für viele besteht diese Alternative oft nicht.
Trotzdem befreit die größere Verantwortlichkeit anderer, auf die man selbst als Einzelner keinen Einfluss hat, nicht gänzlich von der Teilhabe an kollektiver Verantwortung. Es besteht auch immer die Gefahr einer „Banalität des Bösen“ in der man durch reines Funktionieren ohne Widerworte selbst zu einem Teil wird, der das Getriebe am laufen hält. Kollektive Verantwortung wird oft schon im Alltag deutlich, nicht erst durch politische Einflussnahme: Menschen übernehmen bereits in ihrem Alltag Formen kollektiver Verantwortung. Erst so ist eine Gesellschaft möglich. Doch sobald es um Politik geht und die Möglichkeit sich zusammenzutun, um diese zu ändern, erscheint es vielen unmöglich, dass sich die Koordination vieler Individuen überhaupt zu kollektivem Handeln verdichten könnte.
Sehr oft hört man, wenn man sich gegen das System ausspricht oder eine Alternative fordert, den Satz: „Du kannst es doch sowieso nicht ändern!“ Politisch Aktive wiederum machen sich häufig selbst den Vorwurf, nicht genug zu leisten, und tragen ein schlechtes Gewissen mit sich. Beides stimmt für sich genommen: Ein Einzelner kann das System nicht ändern, ein Einzelner kann auch nie genug leisten und findet immer einen Weg, sich Vorwürfe zu machen. Aber all das ist eine Verlagerung von kollektiver Verantwortung auf individuelle Verantwortung. Eine Verschiebung von Schuld, die eigentlich bei spezifischen Bedingungen und den dafür Verantwortlichen liegt, auf eine rein individuelle Ebene.
Es ist eine politische Taktik, Menschen zu einer schicksalsgläubigen Ohnmächtigkeit zu bewegen, in der sie sich als abgekapselt wahrnehmen, in der gesellschaftliche Gruppen als zu separiert und in ihren Interessen als zu unterschiedlich erscheinen, um überhaupt ein wahres Kollektiv zu bilden, das über die reine Zugehörigkeit zum Nationalkonstrukt hinausgeht. Die Separierung wird bewusst gefördert und viele fallen darauf rein und verfallen in politische Ideen die das Kollektiv stark begrenzen und etliche soziale Gruppen davon ausschließen oder Resignation.
Doch es ist immer wichtig sich bewusst zu sein, dass man selbst nur ein kleinerer Teil etwas Größeren ist. Aber koordiniert kann die Summe der kleinen Teile das Größere transformierten. Dass dies nicht erreicht ist, ist nicht die persönliche Schuld, aber Teil der eigenen Verantwortung, dass man versucht zumindest das, wozu man fähig ist, beizutragen. Und da gibt es viel viel mehr, was man tun kann, als zu resignieren oder rein individualistisch zu denken.
Datum: 02. August 2026
Hey 🙂 Danke schon Mal, dass ihr der Einladung gefolgt seid. Ich hab bisher kaum jemanden eingeladen, gerade ist der...
Gepostet von Marisa Blog - Stiftung Gewaltfreies Leben am Donnerstag, 27. Oktober 2022
