Meine größte Leseempfehlung zur Zeit ist „Militarismus und Antimilitarismus“ von Karl Liebknecht.
Als er das Buch 1907 schrieb, war das kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, wodurch es sich im Nachhinein wie eine Beschreibung von Voraussetzungen und Strukturen liest, die letztendlich genau das bewahrheiten, was Liebknecht damals analysierte. Kapitalistische und imperialistische Rahmenbedingungen führen zu gewalttätigen Konflikten in Form von Kriegen. Es wirkt nicht wie eine bloße politische Schrift ihrer Zeit, sondern wie eine analytische Vorwegnahme eines Prozesses, der sich wenige Jahre später in seiner brutalsten Form entlädt.
Besonders erschreckend ist, dass sich viele Parallelen zur heutigen Zeit in Liebknechts Ausführungen finden lassen. Auch heute stehen wir vor einer massiven Militarisierung – inklusive gigantischer Aufrüstungsprogramme und dem Versuch, die Gesellschaft auf „Kriegstüchtigkeit“ umzupolen und antimilitaristische Agitation zu bekämpfen. Sprache, Narrative und politische Prioritäten verschieben sich spürbar: Sicherheit wird zunehmend militärisch gedacht, Kritik daran oft delegitimiert oder als naiv dargestellt.
Liebknecht beschreibt Militarismus nicht einfach als militärische Notwendigkeit, sondern als ein System, das tief in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft eingebettet ist. Er zeigt, wie ökonomische Interessen, politische Machtlogiken und ideologische Formierung ineinandergreifen. Militarismus ist bei ihm kein Ausnahmezustand, sondern ein struktureller Bestandteil kapitalistischer und imperialistischer Ordnung. Genau das macht seine Analyse so beunruhigend aktuell.
Während Liebknecht in seinem Buch noch die Sozialdemokratische Partei Deutschlands als wichtigen Motor gegen die Militarisierung sah, zeigte die Geschichte, dass er damit falsch lag. Nachdem die SPD für die Kriegskredite stimmte, kam es für ihn zu einem radikalen Bruch. Dieser Moment steht sinnbildlich für das Scheitern einer Hoffnung: dass eine große politische Kraft im entscheidenden Moment konsequent gegen Krieg und Militarismus steht.
Viele Dinge, die damals in Gang gesetzt wurden, wiederholen sich heute auf drastische Weise. Natürlich nicht identisch, nicht mechanisch – aber in ihrer Logik erschreckend ähnlich. Aufrüstung wird als alternativlos dargestellt, geopolitische Spannungen verschärfen sich, und gesellschaftliche Zustimmung wird aktiv organisiert.
Das Buch liest sich heute wie eine zeitlose Warnung für konfliktreiche Zeiten, in denen Kapitalismus und Imperialismus wieder die Form eines eskalierenden Militarismus annehmen. Es zwingt einen dazu, hinter die Oberfläche aktueller Debatten zu schauen und die tieferliegenden Strukturen zu erkennen, die solche Entwicklungen überhaupt erst möglich machen.
Gerade deshalb ist es keine historische Randnotiz, sondern ein Text, der auch heute noch eine enorme analytische Schärfe besitzt – und vielleicht mehr denn je gelesen werden sollte.
Datum: 19.04.2026
Hey 🙂 Danke schon Mal, dass ihr der Einladung gefolgt seid. Ich hab bisher kaum jemanden eingeladen, gerade ist der...
Gepostet von Marisa Blog - Stiftung Gewaltfreies Leben am Donnerstag, 27. Oktober 2022
