Empathie in der Krise
Wenn man heutzutage die Kommentarspalten in Social Media öffnet, schlägt einem sehr viel Hass entgegen. Man liest immer wieder Kommentare, die, in Anbetracht der offenkundigen Empathielosigkeit der Kommentierenden, das Blut in den Adern gefrieren lassen. Bspw. Häme über Kriegstote oder auf der Flucht Verstorbene. Oder Forderungen nach pauschalen Abschiebungen von Menschen einer spezifischen Herkunft und die Äußerung des Wunsches, dass man arbeitsfähigen Bürgergeldempfänger*innen alle existenzsichernden Leistungen streicht. Und das sind nur wenige Beispiele von Meinungen, die heute selbstverständlich öffentlich vertreten werden. Doch nicht nur im Netz, generell scheint das gesellschaftliche Klima stark unterkühlt zu sein, was u.a. auch an einem massiven Anstieg der Wählerschaft rechter Parteien und einem Aufstieg rechtsextremer Ideologien deutlich wird.
Elon Musk sprach jüngst in einem Interview mit Joe Rogan von einer zivilisatorischen suizidalen Empathie und bezeichnet Empathie als Schwäche westlicher Staaten. Auch unter verschiedenen US-amerikanischen christlichen Gruppen wie Evangelikalen nimmt die Tendenz zu Empathie als etwas Negatives und sogar Sündhaftes zu sehen, wenn es Themen wie z.B. Einwanderung oder LGBTQ+ betrifft.
Auch in Deutschland empfinden einige Empathie als eine Art irrationale Schwäche, die rationales Handeln verhindert. Wir leben auch in einem System, das eher Konkurrenzdenken als konstruktive Kooperation und Einfühlvermögen fördert. Manche empfinden sich selbst als Empathen, besitzen jedoch nur eine sehr selektive Empathie, die sich vornehmlich auf soziale Gruppen oder Personen bezieht, denen sie sich irgendwie nah fühlen. So kann eine Person z.B. eine hohe Empathie empfinden, wenn eine weiße Frau getötet wurde, gleichzeitig aber mit Häme reagieren, wenn eine geflüchtete Frau im Mittelmeer ertrunken ist.
Das neoliberale Mantra „Jeder ist seines Glückes eigener Schmied“ vermittelt uns zudem, dass jeder für sein Scheitern innerhalb des Systems selbst verantwortlich ist. Strukturelle Ursachen oder persönliche Schicksalsschläge werden dabei ausgeklammert. Empathie wird dabei zu etwas, was man sich erst erarbeiten muss, um es wahrhaftig zu verdienen.
Empathie kann auch innerhalb der kapitalistischen Bedingungen zu einer Art Ablasshandel werden, in dem man sein eigenes Gewissen mit einer Art „Spende“ oder einer flüchtigen Geste des Mitgefühls oder der Achtsamkeit freikaufen kann, ohne dabei die systemischen und strukturellen Ursachen zu hinterfragen oder anzutasten. Z.B. Almosen für die Armen und der Kauf von Fairtrade-Produkten, statt die dem Kapitalismus inhärenten Ursachen für Armut, Ausbeutung und Umweltzerstörung zu benennen oder gar sich dafür einzusetzen, dass diese beseitigt werden.
Empathie wird oft im privaten Bereich verortet als eine rein individuelle Angelegenheit, dabei gibt es auch Formen der Empathie, die innerhalb der Gesellschaft eine wichtige Rolle spielen. Eine sehr entscheidende Form der Empathie für die Gesellschaft ist die soziale Empathie, womit die Fähigkeit gemeint ist, die Interessen, Bedürfnisse und Dynamiken von sozialen Gruppen oder Gefügen zu verstehen. Die Form der Empathie umfasst mehr als das individuelle Mitfühlen mit einer Einzelperson. Sie ist, insbesondere in einer Gesellschaft, die überwiegend das Klassenbewusstsein verloren hat, eine Voraussetzung für Organisation. Dafür, dass Menschen sich für ihre eigenen Interessen und auch die Interessen von Personen, die in der gesellschaftlichen Hierarchie schlechter dastehen wie sie, einsetzen.
Damit eine Gesellschaft ein Bewusstsein für die Bedürfnisse der Benachteiligten entwickelt, ist soziale Empathie unabdingbar. Alleine reicht sie natürlich nicht aus, aber sie muss zum Denkanstoß werden, um materielle Bedingungen zu hinterfragen und sich für deren Wandel aktiv einzusetzen. Sie wäre auch ein Schutz vor dem Erstarken von menschenverachtenden Ideologien, da eine Gesellschaft, die überwiegend empathielos ist, auch eher Ungerechtigkeit hinnimmt oder diese befürwortet, statt sich aktiv gegen diese zu stellen. Das ist wohl auch der Grund, warum Rechte wie Elon Musk versuchen, Empathie zu diskreditieren.
Datum: 03. April 2026
Hey 🙂 Danke schon Mal, dass ihr der Einladung gefolgt seid. Ich hab bisher kaum jemanden eingeladen, gerade ist der...
Gepostet von Marisa Blog - Stiftung Gewaltfreies Leben am Donnerstag, 27. Oktober 2022
