Zum Verhältnis von Schuldiger und Gläubiger

Die Analyse gesellschaftlicher Macht konzentriert sich oft auf die Kontrolle über Produktionsmittel und die Einteilung in Besitzende und Arbeitende. Das ist auch ein sehr wichtiger Aspekt. Doch ein genauerer Blick auf Geschichte und Gegenwart zeigt, dass die Macht der Schuld ein eigenständiges Mittel der Herrschaft ist, das nicht bloß aus den Produktionsverhältnissen resultiert. Schon lange bevor es Münzen gab, diente das Verhältnis von Schuldner und Gläubiger als Grundlage sozialer Unterordnung.
In frühen Gesellschaften waren Schuldbeziehungen oft nicht rein wirtschaftlich, sondern tief im moralischen und sozialen Leben verankert. Wer Schulden einfordern oder erlassen konnte, hatte Macht. Diese Macht nutzte man, um andere in Abhängigkeit zu bringen. Wer seine Schulden nicht bezahlen konnte, verlor nicht nur Besitz, sondern oft auch seine Freiheit und seine Stellung. Dieses alte Prinzip wirkt bis heute und prägt unsere Gesellschaft weiterhin.
Neben den bekannten Klassen wie Besitzende und Arbeiterklasse gibt es das Schuldner-Gläubiger-Verhältnis als eigene Form sozialer Einteilung. Auch innerhalb der Besitzenden unterscheidet man zwischen denen, die Produktionsmittel besitzen, und denen, die Geld verleihen. Letztere, also u.a. das Finanzkapital, nehmen eine besondere Stellung ein: Sie ziehen Einkommen aus Zinsen, ohne selbst an der Arbeit oder Produktion beteiligt zu sein. Das geschieht nicht nur im eigenen Land, sondern auch zwischen Staaten. Reiche Länder, die anderen Ländern Kredite geben, gewinnen dadurch Einfluss auf deren Politik und Wirtschaft. Über Zinsen ziehen sie einen Teil der Arbeitsleistung dieser Länder ab, ohne selbst dort zu arbeiten.
Wer verschuldet ist, muss oft jede Arbeit annehmen – auch unter schlechten Bedingungen –, um nicht alles zu verlieren. Das nützt dem Staat und der besitzenden Klasse, weil so eine Bevölkerung entsteht, die sich in Knechtschaft befindet. So wird die Ausbeutung verstärkt, und viele sehen schlechte Arbeitsbedingungen als unausweichlich an. Auch Gläubiger – ob Banken oder andere Akteure – stehen unter dem Druck, möglichst hohe Gewinne zu erzielen. Es fehlt meist an unabhängiger Kontrolle darüber, wie Kredite vergeben werden und wie hoch die Zinsen ausfallen dürfen.
Dabei ist Schuld nicht grundsätzlich schlecht. Sie kann auch helfen, Entwicklungen zu ermöglichen. Doch es kommt darauf an, wie Schulden aufgenommen und verwaltet werden. Es muss verhindert werden, dass Rückzahlungen Menschen in Abhängigkeit und Armut treiben. Staaten brauchen eine demokratische Kontrolle darüber, wofür sie Schulden machen. Wenn Kredite Projekte finanzieren, die der Bevölkerung langfristig schaden, ist das problematisch – besonders dann, wenn die Rückzahlung durch Einsparungen beim Sozialstaat erfolgt. Umgekehrt kann auch der Verzicht auf Schulden – durch Austeritätspolitik (Sparpolitik) – dazu dienen, Sozialleistungen zu kürzen und den Druck auf die abhängige Klasse zu erhöhen.
Die Macht der Schuld greift tief in unser Zusammenleben ein. Sie wirkt nicht nur auf das Geld, sondern auch auf Moral, Gesellschaft und Politik. Wer über soziale Ungleichheit und Herrschaft sprechen will, muss dieses Mittel der Macht mitdenken – es ist allgegenwärtig, aber oft übersehen.

Datum: 30. Juli 2025

Hey 🙂 Danke schon Mal, dass ihr der Einladung gefolgt seid. Ich hab bisher kaum jemanden eingeladen, gerade ist der...

Gepostet von Marisa Blog - Stiftung Gewaltfreies Leben am Donnerstag, 27. Oktober 2022